Wie Lämmer zur Schlachtbank
Bertram Seidel, Gabriele Seidel, Enrico Hilbert
Wie Lämmer zur Schlachtbank? Widerstand und Verweigerung aus der jüdischen Bevölkerung in Sachsen gegenüber dem NS-Regime 1933-1945 Chemnitzer-Lebenswege Begleitheft zur Ausstellung zum Chemnitzer Friedenstag 2026 In Zusammenarbeit mit Matthias Wagner
„ … Erst nach Erwerb dieser Kenntnisse, welche- die Armee als absolute Vorbedingung für einen erfolgreichen Kampf gegen Hitler begreift, erhält er ein Gewehr, Modell Springfield ’98, mit einer Feuerkraft von zwei Schuß pro Ladung, ein wahres Museumsstück – aber es ist ein Gewehr, und wie er da steht, in der vordersten Reihe der Kompanie C des 31. Ausbildungsbataillons, und das Ding in der Hand spürt, fühlt er ein Würgen in der Kehle: zum ersten Mal in all den Jahren ist er nicht mehr wehrlos den Faschisten gegenüber, kann er zurückschießen. Und er ist nicht mehr allein, da sind all die anderen an seiner Seite. Dies ist das Schlüsselerlebnis, das er nie vergessen wird, und das sein Verhältnis nicht nur zu der Armee, in deren Reihen er jetzt steht, sondern zum Militär überhaupt bestimmt; in diesem Moment wird ihm deutlich: es kommt immer darauf an, wofür geschossen wird und wann und gegen wen …“
Stefan Heym in: „Nachruf“ über seine Ausbildung in Camp Ritchie
Die jüdische Bevölkerung Sachsens Ausweislich der im Juni 1933 vorgenommenen reichsweiten Volkszählung bekannten sich damals in ganz Deutschland 499.682 Menschen zum mosaischen Glauben, was einen Reichsdurchschnitt von 0,77% der Bevölkerung ausmachte. Mehr als zwei Drittel dieser als „Glaubensjuden“ bezeichneten Menschen lebten in Städten. Die Tatsache, dass für Sachsen nur 20.584 „Glaubensjuden“ gezählt wurden, bedeutete, dass deren Bevölkerungsanteil bei lediglich 0,40% lag, wobei mehr als die Hälfte von ihnen (etwa 11.500) in Leipzig – der damals immerhin sechstgrößten jüdischen Gemeinde im Reich – beheimatet war. Es folgten von der Größenordnung her die Gemeinden in Dresden mit damals rund 5.000 und Chemnitz mit ca. 3.000 eingeschriebenen Mitgliedern. Die restlichen gläubigen Juden verteilten sich auf die fünf kleineren israelitischen Religionsgemeinden Sachsens wie Zwickau, Annaberg, Bautzen usw.. Für diejenigen Menschen, die sich bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten vom mosaischen (jüdischen) Glauben losgesagt hatten, um entweder als Atheisten (sprich: Glaubenslose) zu leben oder Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften zu werden, liegen für 1933 keine Zahlen vor, ebenso für die jüdischen „Mischlinge“. Nach den NSRassegesetzen wurden anders- und nichtgläubige „Volljuden“ jedoch in gleicher Weise verfolgt wie die „Glaubensjuden“, und ihr Anteil war – zumindest in den großen Städten – keinesfalls unerheblich. Beispielsweise wird ihre Zahl allein für Leipzig auf circa 10.000 geschätzt. Dass sie die Abkehr vom mosaischen Glauben oft schon vor langer Zeit vollzogen hatten, spielte im rassenpolitischen Kalkül der Nationalsozialisten nicht die geringste Rolle, weil dieses, wie bereits dargelegt, allein von der irrationalen Theorie des „schädlichen jüdischen Blutes“ ausging.
Zweifellos erwies sich gerade bei denjenigen zahlreichen Menschen jüdischer „Herkunft“, die zu einer der beiden großen christlichen Glaubensgemeinschaften konvertiert waren, für relativ lange Zeit die Illusion, durch das aktuelle Glaubensbekenntnis vor rassenpolitischen Maßnahmen des NS-Staates geschützt zu sein, bezüglich eines Verweigerungs- bzw. Widerstandsantriebes als hemmend.


Am nachfolgend vorgestellten Buch arbeiteten auch Mitglieder unseres Vereines mit. Wir möchten es an dieser Stelle gerne mittels der Verlagsankündigung vorstellen:
Bertram Seidel, Gabriele Seidel, Enrico Hilbert (Hrsg.)
Wie Lämmer zur Schlachtbank?
Jüdischer Widerstand und Verweigerung aus der jüdischen Bevölkerung in Sachsen gegen da NS-Regime 1933-1945
Das Buch erhebt hinsichtlich der erörterten Thematik weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf theoretischen Tiefgang. Ihr Hauptanliegen besteht vielmehr darin, anhand des Verhaltens konkreter Personen einen Eindruck vom Ausmaß resistenten Handelns aus der jüdischen Bevölkerung eines räumlich klar definierten Territoriums des Deutschen Reiches gegen das Herrschaftssystem der Nazis zu vermitteln und damit der in verschiedenen Milieus noch immer stark verbreiteten Pauschalansicht, die Juden hätten sich nich gegen das Hitlerregime und damit gegen ihr Verderben gewehrt, handfeste Tatsachen entgegenzusetzen. Bekanntlich wurde dieser Aspekt der Holocaust-Gesamtthematik zumindest im deutschsprachigen Raum über lange Zeit sehr stiefmütterlich behandelt und darüber hinaus von einigen Historikern wie beispielsweise Raul Hilberg in seiner 1992 erschienenen Publikation „Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933 bis 1945“ in der Vergangenheit auch verzerrt dargestellt.
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