Vom gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, den Ereignissen in der Wolfs-schanze, dem Schicksal der Offiziere um Stauffenberg erfuhr ich durch Karl König, der mich noch in der Nacht auf meinem Posten im Graben aufsuchte. Karl war Fridolin Rebholz zum Stellungsbau zugeordnet worden und hatte dadurch mehr Bewegungsfreiheit. Karl erschüttert, aber nicht fassungslos. Er hatte zu seinen Kameraden in Berlin, über deren Schicksal er sich keine Illusionen machen konnte, volles Vertrauen. Zum ersten Mal sprach er mit mir über Details der Planung des Attentats. Er hatte bei seinem letzten Aufenthalt in Berlin mit den Akteuren zusammengesessen. Generale, Offiziere, Spitzenleute der SPD, der Gewerkschaften, der Kirchen. Nach seiner Meinung bestand für ihn keine Gefahr. Es gab für uns keinen Zweifel, dass unsere Freundschaft fest verknotet mit der Idee des Attentats, Bestand haben würde. Wir hatten eine Freundschaft für unser ganzes Leben geschlossen. Bei aller Niedergeschlagenheit suchten wir in unserem Gespräch nach einem Funken Hoffnung und Zuversicht. Die Offiziere um Stauffenberg hatten mit ihrer Tat doch auch ein Signal gegeben, hatten sie nicht ihren Kameraden zugerufen, der Krieg, der verbrecherische Krieg ist verloren, pfeift auf den Eid, den ihr einem Verbrecher gegeben habt. Handelt, handelt endlich! Hoffnungen dieser Nacht, die sich nicht erfüllen sollten.
Seit unserem Zusammentreffen in Przemysl hatten wir viele Gespräche geführt, unser Zusammensein war eigentlich ein einziger nicht endender Dialog. Wir waren uns näher gekommen und das, was uns verband, war stärker geworden. Es schien so, mit unserem Gespräch, ging diese Zeit in gewisser Weise zu Ende, mit dem Scheitern des Attentats wurden die Grenzen unserer Verbundenheit sichtbar und das Band zwischen Karl und mir wurde auf seine Festigkeit geprüft. Wir waren uns einig, was bei einem Erfolg des Attentats geschehen sollte. Wir würden nach Berlin beordert werden. Wir waren uns aber auch immer einig, wenn erforderlich, im Fall des Falles, gemeinsam zur Roten Armee überzutreten. War dieser Fall jetzt eingetreten? Doch Karl König war nicht bereit auf die andere Seite überzulaufen, äußerte Zweifel an Stalin, ernsthafte Zweifel. Damit meldete er auch Zweifel an der Sowjetunion, ihrer Politik an. Was war mit Karl, sagte er jetzt entschieden und
deutlich: „Nein!“ zu Stalin, zur Sowjetunion? Meldete der Sozialdemokrat, der Politiker an der Sowjetunion überhaupt Zweifel an? Oder sprach aus Karl Antikommunismus ? Nein, das war nicht der Fall. Zweifel waren legitim, Zweifel würde es immer geben, bei allen Fragen und Problemen, die uns beschäftigten. Wir hatten immer offen und ohne Rücksichtnahme miteinander gesprochen. Das galt auch jetzt. Karl war Antifaschist, er würde nie einen Schuss auf die Soldaten der Sowjetarmee abgeben. Was würde die Ultima Ratio des Antifaschisten Karl König sein, wenn nicht der Weg zur Roten Armee?
Natürlich ging es in unserem Gespräch nicht allein um Stalin, das Sowjetsystem, sondern ebenso um das wie unseres Übergangs zur anderen Seite. Auch das keine einfache Angelegenheit. Und würde sich die Rote Armee für uns als brüderliche Armee erweisen? Sicher oder so gut wie sicher, wären wir drüben nichts anderes, als eben Gefangene unter Gefangenen. Gefangene, denen die Haare geschoren wurden. Karl war aus der Gefangenschaft der US-Armee geflohen. Er hielt nichts von einer Gefangenschaft in Arizona, noch viel weniger von einer Gefangenschaft in Sibirien.
Anders meine Vorstellungen und Hoffnungen, die ich an die Gefangenschaft in der Sowjetunion knüpfte. In Moskau residierte das ZK der KPD. Vielleicht gab es einen Draht dahin. Warum sollte das auf der anderen Seite nicht möglich sein. Meine Situation unterschied sich als deutscher Kommunist von der des Sozialdemokraten Karl König. Ich würde drüben Soldat bleiben, wenn sich meine kühnsten Hoffnungen erfüllten – Soldat der Partei, bereit jeden Auftrag auszuführen. Oder auch Soldat, mit dem Gewehr in der Hand. War ich bereit auf Deutsche zu schießen, nein, wohl aber – und das aus innerster Überzeugung – auf Faschisten, auch deutsche Faschisten.
Diesem ersten Gespräch mit Karl König folgten weitere. Dafür gab es einen Grund, Karl König hatte mit Lorenz Schneider einige Worte über das Attentat gewechselt. Lorenz Schneider hatte dabei eine „klassenmäßige“, „parteiliche“ Einschätzung des Attentats und der Attentäter vorgenommen. Karl war erschüttert. Lorenz kannte seine deutschen Offiziere, die Generale und Feldmarschälle. Eine Fraktion der deutschen Faschisten-Militaristen war mit dem Attentat gescheitert. Es kam in den folgenden Gesprächen noch schlimmer - SPD-Führer im Bunde mit den Generalen? „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten!“
Ich sprach mit Lorenz Schneider allein, ich sprach mit ihm in Gegenwart von Karl König. Es ging in den Gesprächen mit Karl längst nicht mehr um die Positionen von Lorenz Schneider, sondern auch um den Versuch meine Auffassungen, meine Ideen und Gefühle zu ordnen und soweit möglich zu formulieren. Zwischen Lorenz Schneider und mir kam es zu ebenso offenen, wie harten Auseinandersetzungen. Lorenz hielt die Offiziere um Stauffenberg für Faschisten, die letztlich nichts anderes beabsichtigt hatten, als den deutschen Kapitalismus zu retten, eine Fraktion des deutschen Großkapitals. Dass ein geglücktes Attentat Frieden hätte bedeuten können, war für ihn ohne Belang. Für Lorenz konnte es Frieden nur geben, wenn die Sowjetarmee in Berlin stand und der deutsche Faschismus niedergerungen war. Dass auch Amerikaner, Briten, Franzosen in diesem Krieg mitkämpften, hatte Lorenz kaum zur Kenntnis genommen. Sein Standpunkt war nicht zu erschüttern. Er entschied jede Frage „klassenmäßig“. Hier die Sowjetunion da Faschismus und Kapitalismus. Alles andere war von Übel. Aber es war Krieg, wo es schließlich immer noch und das jeden Tag um unser Leben, um das Leben von Millionen ging. Musste das nicht für unsere Politik und unser Handeln Folgen haben? Wer war gegen die Hitlerclique und den Krieg dieser Bande? Wer war gegen Hitler? Ein General Seydlitz, die Generale und Offiziere des Nationalkomitees Freies Deutschland, hatten bis Stalingrad Hitler treu gedient. Jetzt standen sie de facto im Lager der Sowjetunion. Noch schlimmer für mich, was Lorenz jetzt gegen Karl König, meinen Freund und Kameraden vorbrachte. Nichts unbedingt Schlechtes oder Niederträchtiges, sondern die schlichte Feststellung - ein Sozialdemokrat, zwischen den Fronten hin und her pendelnd. Das dieser Karl König ganz andere Hoffnungen mit dem Attentat verband, verständlich. Was Lorenz jedoch nicht verstehen konnte, war meine Haltung, die Haltung des Kommunisten Erich Knorr. Was blieb mir übrig, als Lorenz meine diametral entgegengesetzte Position zu begründen. Lorenz hatte, nach meiner ganz entschiedenen Meinung, die Beschlüsse des 7. Kominternkongresses aus dem Jahre 1935 einfach nicht zur Kenntnis genommen. Der frühere Kurs der Komintern war in radikaler, für mich begeisternder Weise außer Kraft gesetzt worden. Lorenz hatten die Beschlüsse der Komintern durchaus erreicht, wie er mir sagte. Seiner Meinung nach handelte es sich dabei keinesfalls um eine radikale Wendung der Politik, die überfällige Befreiung von schlimmen Fehlern, sondern lediglich um eine Wendung taktischer Natur im weltweiten, komplizierten Kampf der kommunistischen Bewegung.
Es war ein schrecklicher, erregender Disput mit Lorenz Schneider, meinem kommunistischen Genossen, mit dem ich demnächst auf die andere Seite gehen wollte und musste. Die Hoffnung auf das Attentat und auf ein schnelles Ende des Krieges gab es nicht mehr. Ich war mit Lorenz im einzelnen überhaupt nicht einverstanden, hielt ihn mindestens für schlecht informiert über die Entwicklung der kommunistischen Bewegung, nannte ihn in meinem Innersten einen Sektierer. Andererseits bewunderte ich Lorenz, den Kommunisten aus einem Guss. Unerschütterlich war er, der Mann des rigorosen Einerseits. Wenn Lorenz beim Übergang auf die andere Seite in die Hände von Sowjetsoldaten fallen würde, für die jeder Deutsche nichts anderes als ein deutscher Faschist war und würde er vor ihren Gewehren stehen, so wäre sicher, er würde noch im letzten Moment rufen: „Es lebe der Kommunis-mus“, oder auch „Hoch Stalin“, ein echter Kommunist, Bolschewik. Ich war stolz auf meinen Genossen und gleichzeitig verurteilte ich seine Auffassungen.
In der Nacht vom 20. zum 21. Juli 1944 waren die Offiziere um Oberst Stauffenberg in Berlin im Hof des Bendlerblocks erschossen worden. Die Schüsse dieser Nacht fanden ein Echo in der ganzen Welt in London, Washington und Moskau. Über dieses Ereignis würden Bücher geschrieben, Streitgespräche geführt werden. Auch wir Strafsoldaten von 999 in der Ortschaft Leontina waren Beteiligte, auf unterschiedliche Weise in das Attentat verstrickt, waren direkt, aber viel mehr noch indirekt Betroffene des Geschehens. Wir waren berührt, bewegt und in Bewegung geraten. Wir sprachen über das, was sich in der Wolfsschanze und in Berlin zugetragen hatte, versuchten das Geschehene geistig zu verarbeiten. Das war in den wenigen Tagen kaum möglich. Der 20. Juli 1944 sollte mich mein Leben lang beschäf-tigen. Über 4 Monate hatte ich mit Karl König auf das Attentat gewartet. Das war vorbei.
Ich würde mit Lorenz Schneider jetzt noch enger und zielstrebiger zusammenarbeiten. Wir durften unseren Übergang zur Roten Armee nicht mehr hinauszögern. Mit Karl König konnte ich dabei kaum noch rechnen. Noch weniger konnte ich auf Fridolin Rebholz meinen Schutzengel über viele Monate bei 999 zählen. Noch in der Dobrudscha hatten wir über unseren Weg in diesem Krieg gesprochen, der Arbeiterjunge vom Bodensee, der es in dieser deutschen Armee zum Hauptfeldwebel gebracht hatte, wollte doch in diesem Krieg, den er als ein Verbrechen erkannt hatte, nicht sterben, er wollte heimkehren zu Frau und Kindern in seine wunderschöne Heimat. Seine Absetzung als Zugführer war offensichtlich ein schwerer Schlag gewesen. Er war beim Kompanieführer ins Zwielicht geraten. Es hatte ein einziges Gespräch mit ihm gegeben, in welchem er mich warnte, ich sei im Visier derer, die den 999er Bewährungssoldaten nicht über den Weg trauten, die den „Politischen“ jede Schandtat zutrauten und den ausgewiesenen Kommunisten nur eine Kugel mitten ins Herz wünschten. Es hatte mit Fridolin seit dem kein Gespräch, nicht ein vertrautes Wort gegeben. Vorbei die Zeit der Ruhe und des Abwartens.
Es kam zu einem weiteren Ereignis, das noch stärker in unser Leben eingreifen sollte als die Ereignisse, die sich weitab von uns vollzogen hatten. Über diese Vorkommnisse in Leontina einem Punkt an der HKL würden keine Radiowellen, keine Zeitungen berichten, sie würden keine Erwähnung im Wehrmachtsbericht des OKW finden. Eine Episode, die sich so oder ähnlich ein dutzendmal an der mehrere tausend Kilometer langen Front abgespielt haben könnte. Und doch, der Nachtangriff der Sowjetarmee auf Leontina, 4 oder 5 Tage nach dem 20. Juli 1944, mit dem unser Gegenüber die Lage aufzuklären suchte, war für uns betroffene 999er keine Episode unter anderen. Warum das so war, werde ich berichten.