Das KZ Chaidari liegt nur neun Kilometer westlich der Hauptstadt Athen. Nach der italienischen Kapitulation übernahm die deutschen Faschisten am 10. September 1943 die ehemaligen Kasernen zur „Konzentration“ Verdächtiger, die im Zusammenhang mit Widerstandsaktionen oder Razzien verhaftet worden waren.
Erster Lagerkommandant war Sturmbannführer Paul Radomski – ein „alter Schläger“ aus der Kampfzeit der NSDAP, der sogar in seiner SS-Personalakte als „primitiv in seinem ganzen Denken und Handeln“ vermerkt war. Unterernährung, Zwangsarbeit, Folterungen und willkürliche Liquidierungen waren unter seiner Rigide an der Tagesordnung. Auch auf Grund der bestialischen Folterungen wurde das Lager als „Herz der Hölle“ und „Bastille von Griechenland“ bezeichnet. Bis zur Schließung des Lagers im September 1944 waren zwischen 20.000 und 25.000 Menschen inhaftiert worden. Viele der Häftlinge, die oft wahllos bei Razzien der Sicherheitsbataillone aufgegriffen worden waren und vor ihrer Überführung nach Chaidari der Folter und den Verhören der Gestapo in der Merlin- oder Koraistraße ausgesetzt waren, wurden später in deutsche oder polnische Konzentrationslager deportiert. So wurden alleine am 25. Mai 1944 850 Männer ins Konzentrationslager Neuengamme und 61 Frauen ins KZ Ravensbrück gebracht.
Noch Anfang September 1944, in der Endphase der deutschen Besatzung Griechenlands, wurden ca. 70 Gefangene in Chaidari selbst, weitere 72 Gefangene - darunter Lela Karagianni und andere Mitglieder der Widerstandsgruppe Bouboulina ermordet.
Auf von Partisanen verübte Attentate auf Deutsche oder deutsche Einrichtungen folgten regelmäßig grausame Racheakte: Die Lagerhäftlinge dienten als eine Art »Geiselreservoir« für an verschiedenen Hinrichtungsstätten verübte Morde. Insgesamt, so schätzen Historiker, fielen diesen Exekutionen etwa 2.000 Menschen zum Opfer. Ferner diente das KZ Chaidari von Frühjahr bis Sommer 1944, nur wenige Monate vor der Befreiung Athens, als Durchgangslager für Juden aus verschiedenen Teilen Griechenlands – darunter Athen, Korfu und Rhodos –, um sie gesammelt nach Auschwitz zu deportieren.
Die Mehrheit der Internierten gehörte dem kommunistischen Widerstand an. Trotz der äußerst harten Haftbedingungen blieben viele ihren politischen Überzeugungen treu und stärkten dadurch den kollektiven Widerstandsgeist gegen die Besatzungsmacht. Nicht wenige der Exekutionen vollzog die SS am Schießstand des Arbeiterviertels Kesariani – jenem Ort, an dem auch die kürzlich auf Ebay aufgetauchten Fotografien entstanden: Am 1. Mai 1944 erfolgte die Erschießungen von 200 Kommunisten, als »Sühnemaßnahme« für ein Attentat, bei dem der deutsche General Franz Krech sowie drei weitere Soldaten von Partisanen getötet worden waren – vollzogen nach der zynischen »Sühnequote« eins zu 50.
Nach dem Krieg wurde Chaidari für die Linke ein Symbol des Leids und des Widerstands während der Okkupation. Dies war auch ein Grund für die konservativen Regierungen der Nachkriegszeit, das Lager weiterhin militärisch zu nutzen und der Öffentlichkeit den Zugang zu verweigern. Erst seit 1982 finden dort Gedenkveranstaltungen statt, doch nur ein kleiner Teil des Geländes (Block 15) wurde 1984 dank des Engagements der Kulturministerin Melina Merkouri als Kulturerbe anerkannt. Auch heute kann man vom Lager nur Block 15 besuchen. Dieser Block und eine aus Stacheldraht aufblühende Mohnblume sind zum Symbol von Chaidari geworden. Charakteristisch für den paradoxen Umgang mit dem Lager ist die einerseits symbolische Aufwertung des Ortes als Gedenkstätte, andererseits die Verwahrlosung eben jener und die andauernde militärische Nutzung des Lagers.
Wenn man von den »200 des 1. Mai« spricht, wissen die meisten Griechen, worum es geht. Denn nicht nur in die Geschichtsschreibung fanden die Ereignisse Eingang, sondern auch etliche Kunstschaffende haben sie aufgegriffen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Der Kommunist und Schriftsteller Themos Kornaros überlebte Chaidari und verfasste 1945 ein Buch über seine dortige Haftzeit; der 1. Mai 1944 bildet den traurigen Höhepunkt seines historischen Romans. Das Werk erschien unter dem Titel »Leben auf Widerruf« ebenfalls in der DDR. Im heutigen Deutschland höchstens noch in der einen oder anderen Bibliothek zu finden, wird es in Griechenland hingegen immer wieder neu verlegt. Einige Jahrzehnte später – Mitte der 1970erJahre – erschien ein von Mikis Theodorakis komponiertes Lied, in dem die Erschießungen thematisiert werden. Dutzende weitere Lieder tun es ebenfalls, direkt oder indirekt. Und auch die jüngere Generation kennt dieses Kapitel der Geschichte. Dazu beigetragen haben mag auch der sehenswerte Spielfilm »Der Übersetzer« des renommierten Regisseurs Pantelis Voulgaris aus dem Jahr 2017 – in Athen aktuell wieder im Kinosaal zu sehen.
1946 wurden in Griechenland Ermittlungen gegen die beiden ehemaligen Lagerkommandanten Radomsky und Fischer sowie vier SS-Angehörige der Wachmannschaft eingeleitet. Ein Verfahren wurde jedoch nie eröffnet, und auf bundesrepublikanischen Druck hin wurden 1952 die Ermittlungsakten in die Zuständigkeit deutscher Strafverfolgungsbehörden gelegt. Trotz diverser Ermittlungsverfahren vor deutschen Gerichten musste sich keiner der Beschuldigten wegen der erhobenen Anschuldigungen (Hinrichtung von Geiseln, Morde, Folterungen und Internierung unter unmenschlichen Bedingungen) vor Gericht verantworten. Die pro forma geführten Ermittlungen endeten jeweils mit einer Einstellungsverfügung.
Ehrungen:
Die Gemeinde Chaidari hat die Vas. Geordiou Straße, über die die Gefangenen zum Ort ihrer Hinrichtung gelangten, in Straße der Chaidari-Kämpfer umbenannt (Agoniston Stratopedou Chaidariou). Zudem wurde die Straße, die das Lager mit der Athenon Avenue verbindet, nach Antonis Floutzis, Häftling und Arzt des Lagers, benannt. Er überlebte die Haftzeit in Chaidari und schrieb später ein Buch über die Vorkommnisse im Lager.
Mit dem Buch "Leben auf Widerruf" hat der Schriftsteller Themos Kornaros seinen ehemaligen Mithäftlingen im Konzentrationslager Chaidari ein literarisches Denkmal gesetzt.
Quellen/Literatur:
- - Fleischer, Hagen: Deutsche „Ordnung“ in Griechenland, in: Droulia u. Fleischer (Hg.): Von Lidice bis Kalavryta
- - Fleischer, Hagen: Im Kreuzschatten der Mächte, Griechenland 1941–1944, Frankfurt am Main 1986
- - Klein, Ralph: Chaidari, In: Benz, Wolfgang/ Distel, Barbara: Der Ort des Terrors - Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, München
- - Nessou, Anestis: Griechenland 1941-1944, Deutsche Besatzungspolitik und Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung - eine Beurteilung nach dem Völkerrecht, Göttingen 2009;
- - Kornaros, Themos: Leben auf Widerruf, Berlin 1964; Kornaros, Themos: Vor den Toren Athens: Chaidari, In: Dachauer Hefte: Studien zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Band 5, Dachau 1989





