Der 27. Januar wird seit 1996 als nationaler Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Erich Knorr ist einer der letzten lebenden Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Mit 99 Jahren hat er nun ein Buch veröffentlicht.
Von Michael Müller
Eigentlich hatte einer wie er niemals in den Krieg ziehen sollen. Als überzeugter Antifaschist und Kommunist galt Erich Knorr, Jahrgang 1912, den Nationalsozialisten als “wehrunwürdig”. Als politischer Leiter der verbotenen Kommunistischen Partei im Raum Burgstädt war er wegen “Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens” - dem üblichen Strafrechtsparagrafen für NS-Gegner - zu mehr als fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden. In Waldheim saß er sie ab. Doch im Herbst 1942, da der Vormarsch der Wehrmacht im Osten unter immer größeren Verlusten allmählich zum Erliegen kommt, wendet sich das Blatt: Auch ehemalige Strafgefangene sollen nun an die Front. Für sie werden spezielle Einheiten zusammengestellt. Als Strafbataillon 999 gehen sie in die Geschichte ein.
29 Monate verbrachte Erich Knorr als Strafsoldat in ihren Reihen. Mittlerweile hoch betagt, hat der gebürtige Claußnitzer nun ein Buch über diese Zeit veröffentlicht: “Strafsoldat in Krieg und Nachkrieg”, erschienen im Bonner Verlag Pahl-Rugenstein. Auf rund 200 Seiten erzählt es die Geschichte eines deutschen Kommunisten, der in einen Krieg zu ziehen gezwungen war. Sein Weg mit den “999ern” führte in über Griechenland, die Halbinsel Krim, Rumänien und Ungarn zurück nach Deutschland. Bis er im Mai 1945 ins heimatlich Claußnitz zurückkehrte - mit einer roten Binde um den Arm, die ihn als politischen Verbündeten der Sowjets auswies.
Vor dem 20. Juli 1944
“Es war für mich damals sehr kompliziert”, erinnert sich Erich Knorr an die ersten Monate im Strafbataillon. Als “Politischer” stand er von Beginn an unter besonderer Beobachtung des Stammpersonals. Nicht zu Unrecht, wie er einräumte: Der Vorsatz, bei günstiger Gelegenheit die Fronten zu wechseln und überzulaufen - zu den griechischen Partisanen etwa oder zur Roten Armee - stand für ihn wie viele andere “Politische” von Beginn fest. Doch es kam anders.
Anfang des Jahres 1944 lernte Erich Knorr den Strafsoldaten Karl König näher kennen, studierte Jurist und Sozialdemokrat. Eine Begegnung, die für ihn zu einem Wendepunkt werden sollte, als König eines Tages von seinem Heimaturlaub in Berlin zurückkehrte und seinem sächsischen Kameraden im Vertrauen eröffnete: “Nächstens wird es ein Attentat auf Hitler geben.” Ehemalige Gewerkschaftsführer und führende SPD-Leute hätten Kontakt zu Offizieren und Generalen, die angesichts der absehbaren Niederlage Deutschlands bereit seien, Hitler zu beseitigen. Er, König, haben den Auftrag unter den 999ern eine Gruppe politischer Strafsoldaten zu rekrutieren, die am Tage nach dem Attentat nach Berlin fliegen und dort als zuverlässige Antifaschisten tätig werden können.
“Ich habe Bauklötzer gestaunt”, erinnert sich Knorr an jenes Gespräch. “Aber ich war sofort dafür.” Denn noch waren die meisten deutschen Städte intakt, war die Zivilbevölkerung vom Krieg weitgehend verschont und die Chance , Schlimmeres zu vermeiden. “Eine Riesensache, und auch eine Chance für mich persönlich”, schilderte Knorr. “Es gab auf einmal eine Aussicht auf ein schnelles Endes des Krieges und eine akzeptable Alternative zum Übergang zur Sowjetarmee.”
Bedenken, als Kommunist gemeinsame Sache zu machen mit den einstmals zu Todfeinden erklärten Sozialdemokraten, habe er keine gehabt, versichert Erich Knorr. Ursprünglich selbst aus einem sozialdemokratischen Elternhaus stammend, habe er bereits in den 1930er-Jahren gegen den Willen der Parteioberen Einheitsfront-Aktionen von SPD- und KPD-Anhängern organisierte. Ein Foto davon hat sich in seinen Unterlagen erhalten.
Während seiner Jahre im Zuchthaus Waldheim seine seine Zweifel am Kurs Stalins überdies weiter gewachsen. Vor allem als bekannt wurde, dass der “Große Führer” mit Deutschland einen Nichtangriffspakt geschlossen und deutsche Kommunisten reihenweise an die Gestapo ausgeliefert hatte. Für derlei Zweifel werde er eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden, sol ihm einer der mitgefangenen KPD-Funktionäre damals gedroht haben.
Misstrauisch beobachtet
Die Nachricht vom Scheitern des Attentats auf Hitler erreichte den Strafsoldaten Knorr im Schützengraben, an vorderster Front, irgendwo im Osten. Karl König habe sich verbotenerweise zu seinem Posten geschlichen, im ihm die Nachricht zu überbringen: “Erich, es hat nicht geklappt”, das sollen damals seine Worte gewesen sein. “Das war natürlich ein furchtbarer Schock”, erinnert sich Erich Knorr. Von da an habe es im Grunde nur noch ein Ziel für ihn gegeben: Am Leben zu bleiben und nach Kriegsende so schnell wie möglich wieder zurück in die Heimat zu gelangen.
So bescheiden und nahezu unbedeutend seine Verbindungen zu König und den Männern des 20. Juli 1944 letztlich auch waren, Erich Knorr haben sie sein Leben lang nicht losgelassen. Bis in die 1990ern Jahre hinein recherchierte er, um mehr über Karl König, der später Wirtschaftssenator in Westberlin wurde, in Erfahrung zu bringen. Er kontaktierte Zeitzeugen, Wegbegleiter und Verhandlungspartner - von Egon Bahr bis hin zu Alexander Schalck-Golodkowski.
In der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR indes wollte man von dieser art des Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft lange Zeit kaum etwas wissen. Seine Vergangenheit als 999er-Strafsoldat brachte Erich Knorr von Beginn an Misstrauen ein. Zwar begleitete er bald höhere Ämter, wurde Bürgermeister Claußnitz und Landrat in Rochlitz. Doch galt er den Parteioberen stets auch als potenzieller Abweichler. “Es hieß immer: Dich müssen wir erst einmal überprüfen”, so Knorr. “Aber das ist nie passiert.”
Symptomatisch ein Dokument aus dem Jahre 1956. Es attestiert Erich Knorr, mittlerweile Funktionär der Landwirtschaftsverwaltung, “revisionistische Auffassungen” und “mangelnde Bereitschaft” zur Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit. “Ich hatte großes Glück, das ich nicht in Bautzen gelandet bin wie Walter Janka oder Erich Loest”, meint Knorr. Immerhin habe er damals in Berlin mit diesen Leuten Bekanntschaft gepflegt. Das allein habe mitunter schon ausgereicht, um für Jahre weggesperrt zu werden.
Der Gedanke, seine Erinnerungen an die Zeit als Strafsoldat der Wehrmacht zu Papier zu bringen, reifte noch vor dem Ende der DDR, was man dem Buch, dem ein sorgfältigeres Lektorat zu wünschen gewesen wäre, bisweilen auch anmerkt. Damals aber habe sich für seine Geschichte niemand interessiert, so Knorr. “Ich wollte ja auch wahrheitsgemäß schreiben, nicht übertreiben und mich auch nicht zu einem Helden machen, der ich nicht war.” Dass er seine Erinnerungen mit fast 100 Jahren nun doch noch gedruckt und gebunden in den Händen halten darf, bezeichnet er als “Glück des Alters”. Und seufzt: “Ich hatte schon ein verrücktes Leben.”



