Teil 1
1943 befahl der „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler, die jüdischen Ghettos im Baltikum aufzulösen und deren Bewohnerinnen und Bewohner, bei denen es sich zu dieser Zeit ja faktisch bereits um Häftlinge handelte, zu ermorden oder in Konzentrationslager zu verbringen. Alle noch in Ghettos lebenden Juden sollten in Konzentrationslagern „zusammengefasst“ werden, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Diejenigen, die dafür zu alt waren, wurden ausgesondert, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
In Lettland wurden im Zusammenhang mit der Auflösung des Ghettos in Riga im Frühjahr 1943 die Überlebenden des Rigaer Ghettos und der Ghettos von Liepāja, Daugavpils und Vilnus interniert und dafür das Konzentrationslager Kaiserwald (deutscher Name für Mežaparks) gegründet. Es war vom Umfang her recht klein und umfasste nur eine Fläche von 150 Metern mal 225 Metern. Es war jedoch der organisatorische Mittelpunkt der Registrierung und des Arbeitseinsatzes der Juden der Ghettos in Lettland und auch in Litauen – soweit sie den Holocaust bis dahin überlebt hatten. Da die Häftlinge durch Zwangsarbeit ausgebeutet werden sollten, entstanden auch 18 Außenlager zu dem eigentlichen KZ. Dort hielten sich vermutlich zwischen 2.000 und 3.000 Häftlinge beiderlei Geschlechts auf.
Die Mehrzahl der Juden, die im KZ Kaiserwald interniert waren, stammte aus dem Baltikum, aus Polen und aus Ungarn. Sie waren permanenten Misshandlungen ausgesetzt, die nicht nur von den SS-Wachmannschaften, sondern auch von den sogenannten Funktionshäftlingen ausgingen. Dies waren Insassen, denen Privilegien dafür zugestanden wurden, dass sie die Aufsicht über ihre Mithäftlinge führten. Vorwiegend wurden für diese Funktion kriminelle Häftlinge eingesetzt. Im Mai 1944 befanden sich fast 12.000 Häftlinge im KZ Kaiserwald und seinen Außenlagern, dabei handelte es fast ausschließlich um Jüdinnen und Juden.
Das KZ Kaiserwald war zwar kein Vernichtungslager wie beispielsweise Auschwitz, aber es fanden regelmäßig Selektionen statt, denen alle zum Opfer fielen, die zu jung, zu alt oder zu schwach zum Arbeiten waren.
Zu den ersten Insassen des KZ zählten auch einige hundert Sträflinge aus Deutschland. Nach der Besetzung Ungarns durch die Deutschen wurden ungarische Juden nach Kaiserwald verbracht, ebenso eine Anzahl von Juden aus dem Ghetto in Łódź. Im Mai 1944 waren 11.878 Gefangene im Stammlager und seinen Außenlagern registriert, davon 6.182 Männer und 5.696 Frauen. 95 Lagerinsassen galten als „Nichtjuden“.
Im Unterschied zu Auschwitz oder Treblinka war Kaiserwald kein Vernichtungslager. Deutsche Unternehmen, hauptsächlich die AEG, setzten zahlreiche Frauen aus Kaiserwald als Zwangsarbeiterinnen für die Produktion ihrer elektrischen Geräte ein.
Für die Organisation der Zwangsarbeit wurden die KZ-Außenlager in Riga am Balastdamm (18. August 1943 bis 7. August 1944), in den Dünawerken (18. August 1943 bis 1. Juli 1944), im Heereskraftfahrzeugpark (18. August 1943 bis 6. August 1944) und dessen Außenstelle in der Hirtenstraße (31. Januar 1944 bis 6. August 1944) eingerichtet. Weitere ab dem 18. August 1943 eingerichtete Außenlager befanden sich in Riga Lenta, Riga Mühlgraben, Riga Strasdenhof in der Widzemer Chaussee und bei der Rigaer Reichsbahn. In Riga Spilwe wurde ein Außenkommando bereits ab dem 5. Juli 1943 eingesetzt, in Riga Strasdenhof in der Widzemer Chaussee von der AEG bereits ab dem 1. August 1943, ab dem 1. Juni 1944 dann auch in der dortigen Anodenwerkstatt.
Das KZ-Außenlager „Riga Lenta (SD-Werkstätte)“ wurde von Eduard Roschmann geleitet, dem „Schlächter von Riga“, der vorher bereits das Kommando im Ghetto Riga geführt hatte. Nach der Befreiung vom Faschismus deutschen floh er mit Hilfe der italienischen Caritas und eines gefälschten argentinischen Reisepasses über Genua nach Argentinien, eine der sogenannten Rattenlinien. Dort baute er sich eine neue Existenz unter dem Namen Federico Wegener auf.
Wegen des Vorrückens der Roten Armee auf die baltischen Länder wollte das Sonderkommando 1005 unter Walter Helfsgott die Massenmorde für die Endlösung im Raum Riga vertuschen. Zwei jüdische Häftlingsgruppen zu je 30 Mann mussten von Mai bis September 1944 die Massengräber in den Wäldern von Rumbula und Bikernieki ausheben, die Leichen verbrennen, sowie Asche und Knochen verstreuen. Nachdem diese Arbeit getan war, wurden sie erschossen.
Ende Juni 1944 begann die SS, das Konzentrationslager zu „evakuieren“ und die Gefangenen im September 1944 ins KZ Stutthof im Gau Danzig-Westpreußen zu bringen. Der Täter-Begriff „evakuieren“ beinhaltete Abtransport oder Ermordung an den Häftlingen. Nicht transportfähige Häftlinge wurden erschossen. Insbesondere wurden Juden ermordet, die auch nur im geringsten Maße „straffällig“ geworden waren, oft auch Minderjährige und Menschen über 30 Jahre.
Am 24./25. September 1944 wurden nochmal 3155 Gefangenen nach Danzig verschifft, am 11. Oktober 1944 verließ ein letztes kleines Aufräumkommando das KZ.
Die Rote Armee befreite das Gelände am 13. Oktober 1944.
Quellen/Literatur:
Andrej Angrick, Peter Klein: Die „Endlösung“ in Riga. Ausbeutung und Vernichtung 1941–1944. (Gesamtdarstellung). Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Reihe: Forschung), Darmstadt 2006 Franziska Jahn: Riga-Kaiserwald – Stammlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel(Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 8: Riga, Warschau, Vaivara, Kaunas, Płaszów, Kulmhof/Chełmno, Bełżec, Sobibór, Treblinka. C.H. Beck, München 2008 Franziska Jahn: Das KZ Riga-Kaiserwald und seine Außenlager 1943–1944. Strukturen und Entwicklungen. Metropol, Berlin 2018 Bernhard Press: Judenmord in Lettland 1941–1945. 2., veränderte Auflage. Metropol, Berlin 1995



