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Samstag, 26.11.2011 09:10 Alter: 88 Tage
Kategorie: Lesermeinungen
Von: Paul Jattke

OFFENER BRIEF an die Oberbürgermeisterin von Chemnitz


Frau Oberbürgermeisterin 

Barbara Ludwig Markt 1


 09111 Chemnitz Chemnitz, 
22.11.2011


Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

 Angehörige und Nachkommen von Opfern des Faschismus bitten Sie, dem im beiliegenden OFFENEN BRIEF dargelegten Anliegen Aufmerksamkeit zu schenken. Gerade in jüngster Zeit sollte es für alle Demokraten – unabhängig ihrer Zugehörigkeit zu politischen Parteien – genügend Anlass geben, darüber nachzudenken. Deshalb erlauben wir uns, auch den

 OFFENEN BRIEF / BLEIBEN WIR DEN OPFERN DES FASCHISMUS VERPFLICHTET 

weiteren Repräsentanten des Öffentlichen Lebens der Stadt, Rathausfraktionen, Organisationen und Medien vorzulegen.

 Mit freundlichen Grüßen

 i.A. Anlage

 OFFENEN BRIEF / BLEIBEN WIR DEN OPFERN DES FASCHISMUS VERPFLICHTET OFFENER BRIEF Angehörige und Nachkommen der Opfer des Faschismus BLEIBEN WIR DEN OPFERN DES FASCHISMUS VERPFLICHTET

 I

 Warum überhaupt? Warum überhaupt schreibt man heutzutage einen "Offenen Brief" an die Oberbürgermeisterin und somit Repräsentantin und mit ihr an die Öffentlichkeit einer sächsischen Großstadt, wie es Chemnitz ist? Nun, wie sonst können sich vermeintlich Einzelne öffentlich artikulieren, wenn sie weitgehend ohnmächtig erleben müssen wie sie als "Geschichtsvergessen" verschrien werden, weil sie dem Mainstream – der bekanntlich vor allem weit offen für Hysteriker, und schmal für Historiker ist – nicht widerstandslos folgen wollen? Gegen die moderne Medien-Selektion von Wichtig und Unwichtig ist bekannterweise kaum anders anzukommen.

 II

 Worum geht es? In der "Freie Presse", der von der Medien Union GmbH Ludwigshafen herausgegebenen und in Chemnitz und Westsachsen erscheinenden politischen Tageszeitung (2. Juli 2011), äußert der 1969 in Hamburg geborene und seit gut einem halben Jahr mit der Leitung der Chemnitzer Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen betraute Clemens Heitmann, seine Vorstellungen zur Zukunft des ehemaligen Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg.

 In Fortsetzung der Ideen des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen-Behörde Jahn und Bündnis 90/ Die Grünen in Sachsen, hält es Dr. Clemens Heitmann in dem umfänglichen Interview "für dringend nötig" an dem Ort eine Gedenkstätte für den Häftlingsfreikauf, der zu DDR-Zeit dort abgewickelt wurde, einzurichten. "Alles andere wäre geschichtsvergessen." In einem weiteren Beitrag der nun losgetretenen Kampagne (sie erreichte sogar Chemnitzer "unpolitische" Anzeigenblätter) wird auch ein weiterer Experte (Jan Philipp Wölbern, Potsdam) mit der Feststellung zitiert: "Viele, die über das Gefängnis das Land verließen, hätten den Kaßberg als „Tor zur Freiheit" in Erinnerung behalten".
Bemängelte wird schließlich, dass es für die ehemalige Haftanstalt noch nicht "so etwas wie einen Förderverein" gebe. Ein klares politisches Wort aus dem Chemnitzer Rathaus (PRO, versteht sich, d.A.), würde fehlen, ließ der oberste Behördenchef Jahn vermelden. Natürlich wird es den Herren ums Geld, auch dem Geld der Stadt, möglicherweise auch um ihren zukünftigen Wirkungs-Platz gehen. Nun: Leute, die sich immer nur unter Ihresgleichen aufhalten, neigen dazu, die eigenen Moden und Ansichten für die einzig realen und möglichen zu halten.

 *1) 

Gerade deswegen sei Zur Sache Geschichtsvergessenheit auf dem Kaßberg hier bemerkt: Während dort gedacht werden soll an "Viele, die über das Gefängnis das Land verließen, … (und) den Kaßberg als „Tor zur Freiheit" in Erinnerung behalten, sollten nicht die Menschen vergessen werden, die im finstersten Abschnitt der deutschen Geschichte das Gefängnis tot verließen, in KZ wie Sachsenburg gebracht oder nach ihrer Flucht, z.B. am HUTHOLZ ermordet wurden. HUTHOLZ 1945? – Das sagt den Verfechtern der Kaßberg- Kampagne im Jahre 2011 möglicherweise nicht viel. Deshalb hier eine Erinnerung. Während des Bombenangriffes auf Chemnitz am 5. März 1945 konnte eine Gruppe Widerstandskämpfer aus einem Seitenflügel des Gefängnisses auf dem Kaßberg fliehen. Nach einigen Tagen ergriff die Gestapo sieben der Entflohenen. Sie wurden am 27. März 1945 in den Neukirchener Wald gebracht und dort, mit dem Gesicht auf der Erde liegend, von den Gestapoleuten mit Maschinenpistolen ermordet. Auf der Schrifttafel des bescheidenen Mahnmals ist heute (kaum noch) zu entziffern: AN DIESER STELLE WURDEN AM 27. MÄRZ 1945 DIE STANDHAFTEN ANTIFASCHISTISCHEN WIDERSTANDSKÄMPFER ALBERT HÄHNEL / ALFONS PECH / WILLY REINEL / MAX BRAND / WALTER KLIPPEL / KURT KRUSCHE / ALBERT JUNGHANS VON DER GESTAPO ERMORDET / RUHM UND EHRE IHREM ANDENKEN Für eine dringend notwendige Sanierung des Mahnmals – es befindet sich auf Neukirchener Flur, also direkt an der heutigen Grenze zum Erzgebirgskreis – fehlte, wie für andere Chemnitzer Stätten der Erinnerung und des Gedenkens an die Opfer der Faschistischen Diktatur von 1933 – 1945 auch, Geld. Opfer des Naziregimes in Chemnitz haben Namen Und – so erklärten zum Thema Kaßberg kürzlich Chemnitzer Antifaschisten: wenn es eine Gedenkstätte im Kaßberg- Gefängnis geben soll, dann kann diese nur der Wahrheit zur Ehre gereichen, wenn darin auch endlich eine dauerhafte Ausstellung und ein Gedenkort für die Opfer des Naziregimes in Chemnitz entsteht. Unzählige Menschen wurden in den Jahren 1933 bis 1945 dort inhaftiert, gefoltert und ermordet. Nicht nur politische Gegner des Nationalsozialismus, wie Rudolf Harlaß und Ernst Enge sondern auch Menschen die der damaligen Rassenideologie zum Opfer fielen, wie Jankel Rotstein, um nur einigen einen Namen zu geben. In Sachsen werden heutzutage Antifaschisten schnell als Linksextremisten verschrien. Gerade deshalb sei hier an die des "Linksextremismus" Unverdächtige erinnert. Roman Herzog, damals Bundespräsident, forderte: "Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zu Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedanken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken." 

*2)

 Der damalige Oberbürgermeister der Stadt Chemnitz, Dr. Peter Seifert schrieb in GEGEN DAS VERGESSEN: „Der Schwur der Überlebenden von Buchenwald ist wohl eine der überzeugendsten Manifestationen der Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem antifaschistischen Widerstandskampf. Die Lehren der Geschichte verpflichten uns auch heute, alles zu tun, damit sich das seit fast zehn Jahren wiedervereinigte Deutschland stets als ein demokratisches und humanistisches Land in die internationale Völkergemeinschaft einbringt." 

 *3)

 Die Stadt sollte sich nicht von dem Credo des ehemaligen OB abbringen lassen und entgegen dem herrschenden Zeitgeist, die Pflege und Erhaltung der Stätten zur Erinnerung und des Gedenkens an die Opfer der Faschistischen Diktatur, nicht vernachlässigen. Und sich nicht dem "Schlagwort" der wirklich Geschichtsvergessenen von den beiden deutschen Diktaturen unwidersprochen ergeben. "Wer geschichtsvergessen ohne weitere Erläuterung von den >zwei Diktaturen in Deutschland< spricht, muss wissen, wie viel Verharmlosung des Nationalsozialismus er auf sich laden will. Eines hellsichtigen Tages könnte dieses Geschichtsbild als Volksverhetzung verklagt werden." 

*4)

 III 
Worum werden heute die Stadt und die Öffentlichkeit gebeten? Worum wird heute gebeten? Um den finstersten Abschnitt der deutschen Geschichte auch in der Stadt nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, bedarf es eines langzeitigen Konzeptes, was durch alle Demokraten, unabhängig ihrer Partei- oder Organisationszugehörigkeit, getragen wird. Gute Erfahrungen liegen mit der ehrenamtlichen Aktion Stolpersteine vor. Und zur Erinnerungskultur sollte es weiter gehören, die einschlägiger Projekte mit jungen Menschen unvermindert zu unterstützen. Gerade hier zeigt sich ein weites Aufgabengebiet. Denn das allzu oft in den Mainstream- Medien herrschende Ge­schichtsbild von den Jahren der faschistischen Herrschaft ist allzu oft wenig erhellend. Am Ende des "Feiertagsgedenken" steht dort "die Trivialität, dass es in der Geschichte immer Gute und Böse gegeben habe. Woher die »bösen Nazis« kamen, wer sie an die Macht brachte, wer sie dort hielt, wie ihre Wiederkehr in irgendeiner Art oder Abart verhindert werden könnte, das scheint nicht auf. Das moralisierende Herumstochern in der Geschichte, das noch immer Herrschaftsinteressen bedient hat, sollte alarmierend auf den Plan rufen, denn es zeitigt Tatenlosigkeit und auf die Dauer Folgen, die den unangemessenen Maßnahmen gegen sich anbahnende Naturkatastrophen vergleichbar sind." 

*5) 

Prioritäten bei der Erinnerung Den Initiatoren der "Kaßberggefängnis- Kampagne" mag es um alles Mögliche gehen, aber denen, die ihrer Agitation nicht willfährig folgen wollen, Geschichtsvergessenheit vorzuwerfen, sollte nicht zum Maßstab der Erinnerungsarbeit in der Stadt und unserem Land genommen werden. Es kommt einem neuen Herrschaftswillen gleich.

 "Wer die Erinnerungen eines Menschen, aber auch eines Volkes beherrscht, beherrscht auch diesen Menschen oder dieses Volk. In den Geschichtsbüchern steht immer auch Politik; um Denkmäler entbrennen politische Auseinandersetzungen, welche Akten in Archiven verstauben, welche von Behörden gepflegt und verwaltet werden, ist eine politische Entscheidung.

 Das hat auch die deutsche Wiedervereinigung gezeigt, in der die Untugenden der Stasi öffentlich gemacht wurden, während die Geheimnisse des BND Geheimnisse bleiben durften."

 *6)

 Wir, die Angehörigen und Nachkommen der Opfer des Faschismus, wenden uns gegen jegliche einseitige Geschichtsauslegung und Verharmlosung des finstersten Abschnittes der deutschen Geschichte. In der Gründungserklärung der Lagerarbeitsgemeinschaft des KZ Sachsenburg ist postuliert: "Unsere Geschichte, unsere Ideale für Demokratie, Frieden, Toleranz, Selbstbestimmung und Menschenrechte dürfen nicht missbraucht werden, um zwischen Menschen, Gruppen und Völkern Zwietracht zu säen. Opfer des Nationalsozialismus dürfen nicht miteinander in Konkurrenz gebracht und historische Phasen nicht miteinander vermischt und gleichgesetzt werden. 

Heute sind wir nur noch wenige. Es bedarf der Generationen der Nachgeborenen, um den Antifaschismus, den Humanismus in Aktion, weiter zu tragen, ihn zu leben."

 *7) 

Wir, die Angehörigen und Nachkommen der Opfer des Faschismus bekennen uns dazu und bitten die Öffentlichkeit sich auch zu positionieren.

 i.A. Paul Jattke 
Oktober/November 2011

 *1) Antje Schrupp / Journalistin, Politikwissenschaftlerin 

 *2) Roman Herzog, damals Bundespräsident, rief den Tag an dem die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz befreite, als Gedenktag ins Leben.

 *3) 1998 / In der Broschüre wurden auch die 27 Chemnitzer Straßen und Plätzen aufgeführt, denen nach der Wende der Name von Antifaschisten aberkannt wurden. 13 Gedenksteine und Erinnerungstafeln sind nicht mehr vorhanden. 

*4) Daniela Dahn, Schriftstellerin und Publizistin.

 *5) Prof. Kurt Pätzold und Prof. Manfred Weißbecker in "Die guten und die Bösen"

 *6) Der Münchner Psychoanalytiker Dr. Wolfgang Schmidtbauer

 *7) 2009 / Chemnitz, Gründungserklärung der LAG KZ Sachsenburg