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Kategorie: Lesermeinungen
Von: Paul Jattke
Öffentliche Nachfrage
Wird ein Geschichts-Berg bewegt?
Seit vielen Monaten, genauer seit dem der für die BRD neu ernannte Oberste BStU- Chef Roland Jahn, auf seiner Deutschland-Rundreise medienwirksam auch die Filiale in Chemnitz und das seit 2010 leer stehende Kaßberg- Gefängnis besuchte, gibt es viel öffentlichen Wirbel um diese Immobilie. Und leider nicht nur um die Immobilie.
Deshalb seien hier auch öffentlich Nachfragen gestattet.
Mit missionarischem Eifer streiten Mitglieder eines Vereins mit lautstarker Medienunterstützung für einen "Lern- und Gedenkort Kaßberg- Gefängnis". Wie zu lesen an der Spitze der Chemnitzer BStU- Leiter, junge Abgeordnete von CDU, Grünen und SPD. Dem Initiator der Vereinsgründung, Dr. Clemens Heitmann, stehen laut Freien Presse als Stellvertreter Hanka Kliese, SPD-Landtagsabgeordnete, und Frank Heinrich, CDU-Bundestagsabgeordneter, zu Seite.
Bei den Vereinsgründern hieß es noch im November 2011: Der Verein "Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis" setzt sich für die Einrichtung auf dem Gelände der ehemaligen Haftanstalt der DDR-Staatssicherheit auf dem Chemnitzer Kaßberg ein. Das Gefängnis wurde vor allem im Zusammenhang mit dem Freikauf von über 30.000 Gefangenen der DDR durch die Bundesrepublik bekannt."
Nun, natürlich soll der "Gedenk-Ort" ja auch ein Wirkungsstätte für die jungen BStU- Mitarbeiter über das Jahr 2019 hinaus bleiben. Und für die Aufbewahrung ihrer Unterlagen sind auch natürlich öffentlicher Gelder nötig. (Wem sie wohl genommen werden? Woher sie wohl kommen? – man werde sehen.)
Angehörige und Nachkommen von Opfern des Faschismus mahnten, bei all diesen Forderungen nicht zu vergessen, dass das seit 1886 bestehende Gefängnis auf dem Chemnitzer Kaßberg zu DDR- Zeiten für die einen ein – wie sie selbst sagten – "Tor in die Freiheit" war, war es für Antifaschisten von 1933 – 1945 auch das Tor zum Tod oder zur "Weiterbehandlung" in ein KZ. Darauf wurde zur Absicht des Vereins erklärt:
"Dabei sollen die Geschichte des Nationalsozialismus, die Zeit der sowjetischen Besatzung sowie die DDR-Geschichte grundsätzlich gleichrangig behandelt werden"
GLEICHRANGIG!!!???
DDR-Geschichte = Nazi-Deutsche Geschichte!!!???
Die Aktenberge der DDR = die Leichenberge der Nazis!!!???
Ein bei einer Antinazidemonstration 2011 in Dresdener Steine werfender Student = gleich der thüringisch-sächsischen Nazi-Mörderbande!!!???
Von Angehörigen und Nachkommen von Opfern des Faschismus auf diese allgegenwärtige hysterische Gleichsetzung aufmerksam gemacht, hörte man, dass man überzeugt sei "dass sich der Verein der gesamten Geschichte des Gebäudes bewusst ist und keinesfalls eine Gleichsetzung von Nationalsozialismus und DDR beabsichtigt".
Wieder das alte Eiapopeia
Nach all den sächsischen Erfahrungen hört man solche Botschaft wohl, allein es fehlt der Glaube daran! – Schon kurz nach der Beschwichtigung erschien in der Zeitung fünfspaltig mit "Hoffentlich klappt das mit dem Museum" ein Richtungsartikel. Darin keine Rede mehr von Antifaschisten, nur noch von für die Freiheit Freigekauften. – Es klingt sehr wie das Eiapopeia, zu dem Heinrich Heine bekannte: Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, / Ich kenn auch die Herren Verfasser; / Ich weiß, sie tranken heimlich Wein / Und predigten öffentlich Wasser. – Und wieder stellten sich Fragen.
Warum hat man nicht schon vor Jahns Besuch, im Frühjahr 2011, an die Antifaschisten gedacht? Warum ließ man die Erinnerung an das KZ Sachsenburg – es bestand von 1933-1937, ist also ein Ort mit einer eindeutigen Geschichte – ohne einen € Unterstützung der Vergessenheit anheim fallen? Warum erinnert sich keiner an die aus eben diesem Kaßberg- Gefängnis bei einem Bombenangriff am 5. März 1945 geflohen sieben Antifaschisten, die dann von der Gestapo am Hutholz ermordeten wurden? Warum…???
Für alle, da wie dort
Und weil die Stimmen von Angehörigen und Nachkommen von Opfern des Faschismus hierzulande gern überhört oder nur bei gelegentlichen Sonntagsreden gebraucht werden, hier für alle, da wie dort, einige Stimmen zum Thema:
"…Wer geschichtsvergessen ohne weitere Erläuterungen von den »zwei Diktaturen in Deutschland« spricht, muss wissen, wie viel Verharmlosung des Nationalsozialismus er auf sich laden will. Eines hellsichtigen Tages könnte dieses Geschichtsbild als Volksverhetzung verklagt werden." Daniela Dahn, Schriftstellerin und Publizistin.
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Wozu das führt? "Auf diese Weise etabliert sich ein Kult des gezielten Erinnerns, der umso seltsamere Blüten treibt, je mehr davon in der offiziell verordneten Geschichtsschreibung quasi für die Ewigkeit zementiert wird." Harald Kretzschmar, Grafiker
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"Wenn die offizielle zeitgenössische Forschung so weitermacht wie bisher, einseitige Illuminierung der einen Hälfte Deutschlands und einseitige Verteufelung der anderen, dann wird es dazu kommen, dass erst unsere Kinder merken, dass alles, die ganze neue Republik,
einfach gefälscht ist." Elmar Faber, Verleger und Publizist.
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Dies alles bedacht, bleibt die Frage: Wer auf dem Kaßberg welche Geschichte in welche Richtung bewegt?
P.J.
