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Freitag, 04.06.2010 16:50 Alter: 2 Jahr/e
Kategorie: Neueste Nachrichten aus dem VVN-BdA Chemnitz

Kontroversen um die Geschichte scheinbar beigelegt


Die Debatten um die Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald scheinen verstummt. Die Gedenkfeierlichkeiten zum Jahrestag der Befreiung zeugten vor Ort, wie auch in den Medien, von Einstimmigkeit in der Bewertung der historischen Vorgänge und dem, was zukünftig als Erinnerung erhalten bleiben soll. Vergessen scheinen die historisch bedeutsamen Reden des ehemaligen Häftlings und verdienten Vorsitzenden der internationalen Häftlingsorganisation Pierre Durand (†): „Vor 50 Jahren waren wir wieder frei. Mit der Waffe in der Hand haben wir die amerikanische Armee empfangen und ihr die SS-Leute übergeben, die wir gefangen genommen hatten. Unsere Befreiung, die das Ergebnis unseres illegalen Kampfes und der Opfer so vieler von uns ist, war durch einen langfristig vorbereiteten Aufstand gekennzeichnet, der beim Herannahen der amerikanischen Armee durchgeführt worden ist.“, zum 50. Jahrestag auf dem Appellplatz. Fünfzehn Jahre später wurden nur am Rande der Veranstaltungen Zweifel laut, wurden notwendige Fragen gestellt.

Staatstragendes Gedenken am 11. April 2010

Christine Lieberknecht, Thüringer Ministerpräsidentin, und Christoph Matschie,  Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Freistaates, Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, zählten das Leiden der Häftlinge auf, verklärten die Umstände und die Geschehnisse, indem sie diese als unerklärbar darstellten und dankten den Befreiern. Wie schon im Vorwort zum Begleitheft der Gedenkveranstaltungen zum 65. Jahrestag der Befreiung schafften sie es dazu, den gedanklichen Bogen zu den politischen Ereignissen 1989/1990 in der DDR und Osteuropa zu schlagen.
Kein Wort über Täter, Ideologie, Menschen die den Nationalsozialismus und eben Konzentrationslager möglich machten, keine Rede von den Nutznießern des KZ-Systems. Geschweige denn einige Worte über die, die sich dem Faschismus in den Weg stellten, die versuchten, ihn zu verhindern, Widerstand leisteten, als er an der Macht war und auch hinter Stacheldraht festhielten an ihren Kampf. Das Wort Selbstbefreiung, kam keinem Redner an diesem Tag über die Lippen und mit Befreiern waren die Angehörigen der 3. US-Army unter General Patton gemeint.
Abgerundet wurde das Bild von einem weiteren Vertreter der Bundesrepublik, der das Wort ergriff, Prof. Dr. Norbert Lammert – Präsident des Deutschen Bundestages. Er nahm sich aus dem Schwur von Buchenwald die ihm passenden Passagen und zeichnete mit diesen eine Vision der Gesellschaft in unseren Tagen, mit der sich die Verteidigung von Demokratie und Freiheit, so wie sie die Herrschenden in der BRD begreifen, am Hindukusch und in aller Welt mit dem Gelöbnis der Überlebenden vom 19. April 1945 leicht begründen lässt. Mit seinen Worten befand er sich in geistiger Gesellschaft mit dem einstigen Außenminister Joseph Fischer, der sich entblödete, den Krieg gegen Jugoslawien mit dem Einsatz der Internationalen Brigaden in Spanien zu rechtfertigen.

Die Worte der ehemaligen Häftlinge waren zu leise, zweideutig und blieben somit ungehört.

Bertrand Herz – Vorsitzender des IKBD und Jorge Semprún – ehemaliger Häftling, schlugen andere Töne an. Bertrand Herz benannte sehr kurz und sehr leise die deutschen politischen Häftlinge und ihre Verdienste, doch blieb es bei dieser kurzen Aussage, mehr hätte es sein können und müssen, gerade weil dieser Gedenktag den jungen Häftlingen gewidmet war, deren Überleben zu einem Großteil von der Solidarität im Lager abhing – spontane, individuelle Hilfe ist sicher nicht zu unterschätzen und für den Einzelnen unermesslich wichtig und bedarf einer Würdigung, doch mehr war notwendig, um den Hunderten dieser Jugendlichen eine Überlebenschance geben zu können.
Jorge Semprún verstrickte sich in seiner intellektuellen Rede – er mühte sich um das Wesentliche, doch der Spagat den bewaffneten Aufstand der Häftlinge, an dem er selbst beteiligt war (ausgerüstet mit einer Panzerfaust), zu umschreiben – ohne die Selbstbefreiung beim Namen zu nennen und dazu noch die ersten Angehörigen der US-Army als so etwas wie Befreier zu feiern, und gleichzeitig zu sagen, dass sie ein schon befreites Lager erreichten, gelang ihm nicht. 

Die Motivation zu seiner Rede blieb dem Zuhörer unergründlich. Die Rolle des IKBD bei dieser Gedenkveranstaltung scheint unrühmlich.

Andere ehemalige Häftlinge wurden da deutlicher.


„Wenn sie sagen, die Amerikaner hätten uns befreit, dann lügen sie! – Wir haben uns selbst befreit!“ So die Aussage von Virgilio Peña aus Billére, gebürtiger Andalusier, Kämpfer der Spanischen Republik, an allen entscheidenden Schlachten des Bürgerkrieges beteiligt, Emigration in Frankreich, Kämpfer der Resistance – nach Buchenwald verschleppt, Angehöriger der Illegalen Militär Organisation im Lager. Er wusste zu berichten, wie sie sich heimlich Waffen verschafften und den Angriff am 11. April 1945 auf Stacheldraht, Türme und Hauptturm führten. Er selbst hat damals mehre Angehörige der SS gefangen genommen. Im Gespräch jedoch wurde deutlich, dass für ihn auch eine große Rolle spielte, dass durch den organisierten Widerstand verzögert und verhindert wurde, dass Häftlinge noch in den letzten Tagen auf Transport und Todesmarsch geschickt wurden.
Günther Pappenheim – Vorsitzender der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e.V. fand ebenso deutliche Worte. Er sprach sich vor mehr als einhundert Anwesenden, Kindern und Enkeln seiner Kameraden sowie Antifaschisten aller Generationen, gegen eine Verfälschung und entstellte Wiedergabe der Geschichte aus. Als ein Beispiel der Geschichtsverdrehung und Entstellung der Tatsachen benannte er die von Historikern gern bemühte Worthülse der „Häftlingsselbstverwaltung“, mit der den politischen Häftlingen, die eine Funktion inne hatten, gern Mittäterschaft und wenn nicht dies, so doch zumindest das Erheischen von Privilegien unterstellt wird. „Hätte es eine Selbstverwaltung der Häftlinge gegeben, wäre ich am Abend des Tages meiner Einlieferung nach Buchenwald wieder zu Hause gewesen!“ – erläuterte Günther Pappenheim.

Wie weiter mit dem Gedenken an die Opfer, der Würdigung des Widerstandes und dem Schwur von Buchenwald?

Wie es weiter gehen wird, mit den Kontroversen um das Gedenken und die Erinnerung an Buchenwald bleibt offen. Die Weichen in die richtige Richtung zu stellen, ist es nicht zu spät. Noch leben viele der ehemaligen Häftlinge, die sich nicht scheuen, die Wahrheit über Leid und Widerstand zu berichten und deren Erinnerung es gilt, zu bewahren und öffentlich zu machen. 
Den Antifaschisten von heute obliegt es, so aktiv zu werden, dass es eine weitere Verklärung nicht geben wird und die Würde der Häftlinge – der Widerstand – nicht weiter verunglimpft werden kann. Doch wird diese Aufgabe nicht leicht sein. Denn auch für die jetzige Bundesrepublik spielt der Umgang mit diesem Thema eine wichtige Rolle.  Die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora e.V. hat mit ihrem Treffen einen ersten Schritt in die richtige Richtung getan, wollen doch die Aktivisten erreichen, dass sich mehr Interessierte in die Arbeit einbringen – eine entsprechende Erklärung in diesem Sinne wurde verabschiedet. 
Das Vermächtnis der Häftlinge, der Schwur von Buchenwald bleibt aktueller denn je, in seiner Gänze und unverfälscht. Die politischen Tagesaufgaben hinsichtlich der Erinnerungskultur in Angriff zu nehmen und langfristige Strategien zu entwickeln, das Vermächtnis der Häftlinge weiter zu tragen, bedürfen jedoch eines konkreten Auftrages der noch lebenden ehemaligen Häftlinge. Schwarz auf weiß sollte der Auftrag an die Nachgeborenen übergeben werden.


Enrico Hilbert
aus "DKB 05/2010"