Detailansicht für News
Kategorie: Neueste Nachrichten aus dem VVN-BdA Chemnitz
„Ich versuche ein Kommunist zu werden!“ zur Erinnerung an Kurt Neukirchner
Im Alter von 95 Jahren beeindruckte Kurt Neukirchner die Zuhörer bei der Lesung seiner Autobiographie „Jenseits des Mississippi und diesseits des Fortschritts“, nicht nur mit Episoden aus einem langen Kämpferleben, sondern auch mit der Klarheit zur Einschätzung unserer Tage und der Bewertung seiner eigenen Geschichte.
Auf die Frage ob er Kommunist sei, antwortete er: „Ich versuche ein Kommunist zu werden!“.
Diese Sicht auf die Dinge wundert nicht, wenn man das bewegte Leben nachzeichnet und versucht, sich mit allen Widrigkeiten objektiv auseinander zu setzen. Geboren 1914, aufgewachsen in der sächsischen Provinz wurde der junge Kurt geprägt vom Großvater, der ihm die Schönheit der Natur vermittelte und eine Prägung hinterließ, die ein Leben lang anhalten sollte, die Achtung vor jeglicher Kreatur und ein Weltbild das ohne höhere Mächte auskommen wird. Die Mutter war liebevoll und schaffte die Geborgenheit zu Hause, die die Armut erträglicher machte. Als es finanziell der Familie besser ging, sie war, wie Viele damals, ins florierende Ruhrgebiet übersiedelt, spielte die musische Erziehung eine wichtigere Rolle und das Geigenspiel konnte vertieft werden. Später in der Kriegsgefangenschaft in den USA, sollte ihm sein Talent zu Gute kommen. Doch an solch kommende Ereignisse war wenige Jahre nach dem Großen Krieg nicht zu denken. Er erlebte die französischen Besatzungstruppen, die Kampf gegen den Kapp-Putsch und ertrug in der Schule Schläge und die Verhöhnung im Dorf, als einer der Sonntags nicht zur Kirche ging. Straßenmusik erfreute ihn und dass es Freunde gab, Arbeiterjungs deren Eltern ebenfalls Freidenker waren. Er lernte, sich zur Wehr zu setzten. Zurückgekehrt in die alte Heimat begann eine typische Kleinstadt-Karriere in Hartmannsdorf, zumindest beruflich gesehen. Nach dem Schulabschluss und Jugendweihe, war keine Ausbildung zu finden. Er verdingte sich als Laufbursche. So verging ein Jahr bevor er, ebenso typisch für das Bild der Sachsen in jener Zeit, Handschuhmacher werden konnte. Politisch hatte der Weg über die Freunde des Vaters, die in der KPD beheimatet waren, ihn in den „Rotsport“ und Kommunistischen Jugendverband geführt.
Das Leben in die eigenen Hände nehmen und vor allem die Machtübernahme durch die Nazis zu verhindern, waren lohnenswerte Ziele. Das Risiko war hoch, nach dem Reichstagsbrand weiter für den KJVD aktiv zu sein. Flugblattaktionen, Hissen der Roten Fahne am höchsten Schornstein im Ort und Postkarten versenden, die die Menschen aufklären sollten über Mord, Folter und Gefahr des drohenden Krieges. Im Februar 1934 ging die illegale Gruppe hoch, Haft, Prozeß, Verurteilung und nach einem Jahr die Entlassung mit der Auflage zur mehrfach täglichen Meldung bei der Polizei. Kurt war verwundert über diese Milde. Vom „Ehrendienst“ bei der Wehrmacht wurde er ausgeschlossen, was für ihn wohl eine Ehre war. Er bewährte sich nicht im Sinne der Nazis, sehr wohl aber als Antifaschist. Auf dem Truppenübungsplatz Heuberg, bei Stetten am Kalten Markt in der Schwäbischen Alb, wurde er gedrillt und geschunden und wusste, dass seine Kameraden, die sich Befehlen widersetzten oder deren Widerstand entdeckt wurde, erschossen worden waren. Kurt Neukirchner ging mit seiner Einheit über Belgien und Frankreich nach Afrika. Dort sollten die politischen 999er als Kanonenfutter dienen. Die Erfahrungen aus dem illegalen Widerstand, den er in den Besetzten gebieten angefangen hatte nutzend, desertierte er und wurde nach kurzer Zeit aufgegriffen und vor ein Erschießungskommando gestellt. Faktisch zum Tode verurteilt rettete ihn britischer Artilleriebeschuss. Ihm gelang die Flucht und der Übertritt zur britischen Armee. Auf dem Weg traf er einem anderen Kameraden, trug den Verdurstenden mit in die vermutete Freiheit. Doch frei war er nur kurze Zeit. Auch auf sein Angebot, gegen die faschistische Armee weiter zu kämpfen wurde kein Wert gelegt. Der Weg führte ihn in die Kriegsgefangenschaft. Unter fanatischen Nazis mußten er und seine Kameraden weiter um das Leben bangen, bis es ihnen endlich gestattet war eine eigenes Lager antifaschistischer Gefangener einzurichten. Den Kontakt knüpfte der talentierte Sachse, der regelmäßig vor den US-Amerikanern Geige spielte und in einer Theatergruppe auftrat. Selbst Gastspielangebote und der Verbleib in den Vereinigten Staaten waren im Gespräch. Kurt Neukirchner wollte zurück in seine Heimat, wiederaufbauen und eine Zukunft gestalten, in der es sozial und gerecht zugehen sollte.
1946 kam er nach Hause. Für große Aufgaben wurde er nicht vorgesehen, dem standen die Kriegsgefangenschaft im Westen und der Dienst bei 999 im Wege. Doch für ihn war keine Aufgabe zu klein, oder gar geringfügig. Alles wurde mit Hingabe erledigt und er war stets echt, bei allem was er tat. Er war Überzeugungstäter. Er ging dorthin, wo die Partei ihn hin bestellte. Mal leitete er eine Gesangsgruppe, mal eine Maschinen-Ausleihstation. Mal agierte er im Grenzgebiet. Mal im Wohngebiet. Er war mal Parteisekretär und dann Chef der Nationalen Front des Kreises. Und lange Zeit Stellvertretender Vorsitzender des Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer des Bezirk Karl-Marx-Stadt. Er blieb jedoch stets Internationalist. In den Zeiten der Wende angegriffen und ausgegrenzt bleib er sich und der Sache treu, hielt Freundschaften aufrecht, knüpfte neue und trat auf wo er konnte, schrieb. Er teilte der Welt seine Gedanken mit, scheute sich nicht in der Lokalpresse den Linken, den Antifaschisten eine Stimme zu geben.
Bis zwei Tage vor seinem Tot am 8. Februar 2011 mischte er sich in die Tagespolitik ein, die Adressaten der letzten Briefe waren Tillich, der sächsische Ministerpräsident und der Altkanzler Kohl.
Am 4. März werden seine Familie, Freunde und Genossen von ihm Abschied nehmen. Kurt Neuirchner wird 13.30 Uhr auf dem Chemnitzer Friedhof an der Reichenhainerstraße bestattet.
Enrico Hilbert
Chemnitz
