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Kategorie: VVN-BdA Sachsen
Die geschundene Stadt
Regina Elsner, Landessprecherin des VVN-BdA-Sachsen e.V., legt ein Blumengebinde auf dem Jüdischen Friedhof vor der „Kleinen Festung“ nieder.
Bedrückende Eindrücke aus dem ehemaligen Ghetto
Im November 1941, als die ersten Juden im Böhmischen Terezin ankamen, die „Sudetenkaserne“ bezogen, um die einstige Garnisonsstadt zum Ghetto für die noch kommenden „Bewohner“ umzubauen, dürfte das Wetter nicht viel besser gewesen sein als an jenem Apriltag 2008. Wir, eine Gruppe des Landesvorstandes des VVN-BdA Sachsen e.V., hatten die Landesvorstandssitzung ins Böhmische verlegt, in einen Ort, der sich in seiner Symbolik für faschistische Verbrechen in die ganze Kette der damaligen Folter- und Vernichtungsstätten bedeutungsvoll einreiht. Noch heute scheint es so, als hätte diese Kleinstadt die Schrecken des Ghettos nicht überwinden können, als würde sich niemand trauen, die Spuren der grauenvollen Vergangenheit zu verwischen. Trist sind die Fassaden. Unbewohnt sind viele Häuser, in denen sich nach der Befreiung vom Faschismus wahrscheinlich niemand wieder heimisch fühlen konnte. Abergläubige würden einen Fluch über der Stadt vermuten, von dem sie sich niemals wieder befreien kann.
Zwischen dem 24. November 1941 und dem 20. April 1945 wurden nach „Thersienstadt“ rund 140 000 Menschen deportiert. In dieser Zahl sind nicht jene 1260 Kinder aus Bialystok enthalten. Dieser Transport polnischer Kinder hielt sich zwischen dem 24. August und dem 5. Oktober 1943 in Theresienstadt auf. Alle wurden nach Auschwitz gebracht und dort ins Gas geschickt. Allein in Theresienstadt starben bis zum 20. April 1945 rund 40 000 Menschen. Dass das Ghetto für viele nur ein vorüber gehender Aufenthaltsort war, beweisen die circa 87 000 Bewohner, die während der Ghetto-Zeit in Richtung Osten zu den bekannten Vernichtungslagern deportiert wurden und dort umkamen. Von den ursprünglichen Häftlingen lebten zur Befreiung gerade mal noch circa 17 000.
Die „Häftlinge“ im Ghetto lebten, so ist es in einer bemerkenswerten Ausstellung im „Ghetto-Museum“ dokumentiert, unter unmenschlichen Bedingungen. Alle ehemaligen Kasernen, alle Wohnhäuser waren belegt - von den Dachböden bis zu den Kellern. Männer und Frauen waren getrennt untergebracht. Die Juden durften sich nicht auf den Gehwegen aufhalten, an eine Mindest-Ernährung war nicht zu denken. Wertgegenstände, Fotoapparate, Schmuck und dergleichen durfte niemand besitzen. Bei kleinsten Verstößen gegen die Ghetto-Ordnung kamen viele in die „Kleine Festung“, eine Wallanlage aus der K&K-Monarchie, die die Faschisten zur Folterhölle ausbauen ließen.
Und dennoch zeugen vom Lebenswillen der Inhaftierten zahlreiche künstlerische Werke, die erhalten geblieben sind. Anfangs war die künstlerische Betätigung noch strengstens verboten. Aber bereits schon 1942 gestatteten die Faschisten, zwar unter Zensur, musikalische, literarische und bildkünstlerische Aktivitäten. Dies geschah keinesfalls aus Menschenliebe heraus. Wussten doch die Bewacher, was die Ghettobewohner erwartet - irgendwann der Transport nach Auschwitz. Es diente aber auch der zynischen Propaganda, Theresienstadt sei ein vorbildliches Ghetto, in dem es sich gut leben ließe und die Juden dort den Krieg schadlos überstehen könnten.
Der Druck des Internationalen Kommitees des Roten Kreuzes war sehr groß. Deshalb kam es im Ghetto auf Anweisung des Reichs-Sicherheits-Hauptamtes zu Verschönerungsarbeiten. Die SS wollte die Welt glauben machen, dass es den Juden wirklich an nichts mangele. Die Straßen erhielten Namen, die vorher nur mit „L“ für Längs oder „Q“ für Quer benannt wurden. sogar ein Cafè entstand. Auch legte man Wert auf die so genannte Jüdische Selbstverwaltung, die zwar nie etwas zu sagen hatte, aber als Aushängeschild galt. Die Gründung einer Bank zur Auszahlung von wertlosem Ghetto-Geld zählt nur zu den weiteren Höhepunkten faschistischer Propaganda. Als der Druck des IKRK zu groß wurde, entschloss sich die Lagerleitung auf Anregung des in Prag ansässigen „Zentralamtes zur Regelung der Judenfragen in Böhmen und Mähren“, einen Dokumentarfilm über das Ghetto zu drehen. Beauftragt wurde das Prager Filmunternehmen „Aktualia“. Aus Unterlagen ist bekannt, dass die Kosten für den Propagandafilm rund 350 000 Kronen (35.000 Reichsmark) betrugen. Verpflichtet wurden die Insassen des Ghettos zur Mitarbeit. Kurt Gerron, Kabarettist und Schauspieler aus Westerborg, übernahm, sicher nicht freiwillig die Funktion des jüdischen Produktionsleiters, Drehbuchautors, Leiters der Filmabteilung und Organisators aller zum Drehen notwendigen Arbeiten. So entstand ein Film über ein eigentlich nicht so vorhandenes Lager. Fröhliche Menschen wurden gezeigt, die das Cafèhaus besuchten, fleißige Juden, die Gartenanbau in den Gräben der „Kleinen Festung“ betrieben und auch Theateraufführungen fehlten nicht. Lange Zeit wurde dem „Dokumentarfilm“ der Titel „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ zugeschrieben. Neueste Quellen belegen allerdings, dass dies nicht korrekt ist. In den noch erhaltenen Aufzeichnungen von Gerron kommt dieser Titel ebenfalls nicht vor. Historiker nehmen als gesicherten Titel an: „Theresienstadt - Dokumentarfilm aus einem jüdischen Siedlungsgebiet“.
Gerron konnte „seinen“ Film jedoch nicht bis zum Ende betreuen. Er und fast alle anderen Mitwirkenden am Film wurden am 28. Oktober, lange vor der Vollendung des Films, nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht. Die SS wollte keine Zeugen für ihren Zynismus. Vollendet wurde das Machwerk vom Kameramann Ivan Fric, einem Angestellten der Aktualita. Er folgte dann auch nicht den Vorbereitungen von Kurt Gerron, sondern nahm sich der Anweisungen der SS an. Dass der Film nicht mehr die Verbreitung im Ausland (für Deutschland war er nicht vorgesehen) fand, lag wohl am Fortschreiten des Untergangs der Faschisten. Es blieb nicht viel Zeit, bis auch Theresienstadt befreit wurde. Ohnehin waren die Ausmaße der faschistischen Barbarei durch die Befreiung von Auschwitz in der Weltöffentlichkeit bekannt geworden. Ob sich die Anfang 1945 eingetroffene Delegation de IKRK blenden ließ, ist nur widersprüchlich überliefert. Auf jeden Fall nahm sie eine Reihe dänischer Juden aus dem Ghetto mit in die Freiheit. (Quelle: www.ghetto-theresien-stadt.de).
Alle Gedenkstätten in Terezin an einem Tag zu besuchen, ist kaum möglich. Genauso unmöglich, wie hier in einem Artikel die ganze Geschichte zu beschreiben. Aber die Trommel dafür zu rühren, dass sich vor allem viele junge Leute auf diesem historischen Pfad bewegen sollten, muss für den VVN-BdA-Sachsen e.V. besondere Verpflichtung sein. Im Internet gibt es zahlreiche Plattformen, in denen Fahrten angeboten werden. Pädagogen sollten sich verpflichtet fühlen, mit ihren Klassen solche Exkursionen zu unternehmen, zumal eine Reise in diese unrühmliche Vergangenheit, in eine scheinbar für immer gezeichnete Stadt viel dazu beitragen kann, wiederkehrendem faschistischen Gedankengut Paroli zu bieten.
Obwohl die Teilnehmer an der Vorstandssitzung der etwas anderen Art schon zahlreiche Gedenkstätten der faschistischen Barbarei besuchten, war bei allen die Betroffenheit sichtbar. Betroffenheit die nicht lähmt sondern zum Handeln zwingt. Wir können wohl kaum sagen, dass solch eine Barbarei nie wieder stattfinden kann. Wir müssen sagen: „Sie darf sich nicht wiederholen!“
Text/Fotos: Jonny Michel
